(S1/E30) “Biases” (zu deutsch: kognitive Verzerrungen) kennen wir buchstäbllich zu Dutzenden und in den verschiedensten Geschmacksrichtungen: Es gibt einen Representativness-Bias, einen Confirmation-Bias, den Blind Spot-Bias oder den Zero Risk-Bias, außerdem den Distinction-Bias, ganz zu schweigen von Actor-Observer-Bias, Halo-Effekt, Decoy-Effekt oder, oder, oder… Wenn man sich eine Weile mit dem Thema beschäftigt, wundert man sich, dass wir nicht neulich beim Schuhe binden von einem Bus überfahren wurden oder auf den Fahrstuhl wartend verhungert sind.

Doch tatsächlich dienen die meisten dieser eigenartigen kognitiven Verzerrungen dem Überleben. Sie helfen uns, Unwichtiges zu vergessen, schnell zu entscheiden, Informationen zu filtern, Situationen zu vereinfachen, Blockaden zu vermeiden und vieles mehr. Ein Mensch, der versuchen würde, sich ohne kognitive Verzerrung durch Leben zu schlagen, wäre auf ähnlich verlorenem Posten wie die bedauernswerten Patient/innen, die an einer – übrigens sehr seltenen – “Hereditären Sensorischen und Autonomen Neuropathie Typ IV” (auch CIPA-Syndrom genannt) leiden. Dies geht mit einem kompletten Verlust der Schmerz- und Temperaturempfindlichkeit einher, will heißen: Schäden an den Zähnen, Knochenbrüche oder Verbrennungen werden einfach nicht wahrgenommen. Das findet man dann nur so lange prima, bis man den ersten offenen Bruch oder die Verbrennung 3. Grades übersehen hat. So eigenartig es klingen mag: ohne kognitive Verzerrungen wären wir kaum überlebensfähig.

In Folge 30 unseres Podcasts steht also der “Negativity Bias” im Mittelpunkt. Das ist eine kognitive Verzerrung bei der es um einen nicht sonderlich komplizierten Sachverhalt geht: Negative Informationen sind wichtiger und interessanter als positive, sie sind es mehr wert, dass man sich an sie erinnert, und wenn man Dinge beurteilt, sollte man vor allem das Negative beachten – so lautet die Regel. In vielen Studien wurde dieses Phänomen schon untersucht, einige davon bilden das Rückgrat unserer Podcast-Episode. Es geht zunächst darum, wie Erzählungen und Geschehnisse bei der Übertragung von Person zu Person verändert werden (nämlich systematisch und negativ) Dann interessiert uns, ob und wie der Negativity Bias im Netz – genauer: in sozialen Medien – nachgewiesen werden kann. Schließlich berichten wir von einigen Experimenten, in denen gezeigt wurde, dass negatives “Framing” (die Verwendung einer negativen Formulierung) auch die Glaubwürdigkeit von Informationen erhöht.

Die Quellen zur Episode

  • Die Studie zur Stillen Post bzw. “Social Transmission”: Bebbington, K., MacLeod, C., Ellison, T. M., & Fay, N. (2017). The sky is falling: evidence of a negativity bias in the social transmission of information. Evolution and Human Behavior38(1), 92-101.
    Das Paper ist auf Google Scholar einfach aufzufinden
  • Die Studie zum gleichen Thema auf Yahoo Answers:
    Aji, A., & Agichtein, E. (2010, June). The “nays” have it: Exploring effects of sentiment in collaborative knowledge sharing. In Proceedings of the NAACL HLT 2010 Workshop on Computational Linguistics in a World of Social Media (pp. 1-2). https://aclanthology.org/W10-0501.pdf

Zum Episodenbild:

Belmiro Barbosa de Almeida (1858 –1935) war ein brasilianischer Maler, Illustrator, Bildhauer und Karikaturist. Er war ein durchaus arrivierter Künstler mit einer typischen Karriere mit Aufenthalten in Europa, an einigen der renommiertesten Akademien der Zeit. Er malte in der Tradition der alten Meister und die meisten seiner Motive waren durchaus psychologisch vielschichtig. Unser Episodenbild stammt aus dem Jahr 1897 und trägt den Titel “A má notícia” (dt. Eine schlechte Nachricht). Der Zusammenhang mit unserem Thema ist naheliegend: schlechte Nachrichten wirken besonders durchschlagend…

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Belmiro_de_Almeida_-_A_m%C3%A1_not%C3%ADcia.jpg