TikTok und soziale Medien machen uns adaptiv für die komplexe, veränderliche, quicklebendige Multi-Facetten-Realität der Zukunft, für fast moving ecosystems, die von den Protagonisten des Silicon Valley vorangetrieben werden. Deshalb haben die Menschen der nachwachsenden Generation Z, die ihre Gehirne von früher Jugend an in der Vielfältigkeit des digitalen Contents gebadet haben, regelrecht „Future Skills“ ausgebildet. Von denen können altbackene Baby-Boomer, die in ihrer Jugend ja weitgehend mit Kreide und Tafel aufgezogen wurden, nur träumen.
Klingt das nicht gut? Eben. Und weil es so gut klingt, findet man diese Ideen – manchmal deutlich sichtbar, manchmal eher versteckt – in verschiedenen Varianten. Consulting-Firmen wie McKinsey & Company sprechen von vielversprechenden Dingen wie „Game-changing work“ oder „people-powered growth“. Der kürzlich verstorbene Ed-Tech-Visionär Mark Prensy (https://marcprensky.com/), dem wir übrigens unter anderem den Begriff „Digital Natives“ verdanken, beschwört in seiner letzten Botschaft an sein Publikum eine Zukunft herauf, von der wir schon lange (alp)geträumt haben: „Humans are evolving—and a new kind of human is arising, with brand new capabilities.“ Was mögen das nur für Fähigkeiten sein? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang „brandneu“…? Oder: „Humans — especially young humans — are now extended — becoming capable of enormous numbers of things that either required vast amounts of energy or that they could never do before.„
Die Plattformbetreiber aus der META- X- oder TikTok-Fraktion greifen solche Ideen natürlich bereitwillig auf und produzieren in ihren Blogs und Strategie-Dokumenten eine ganz ähnliche Rhetorik – und erklären dann ihre Produkte zum Manna, das in einer dunklen Zeit vom Himmel fällt. Wahrlich! Die Welt versteht man am besten in Form von 30-Sekunden-Videos, in denen Menschen auftreten, deren einzige Qualifikation die Autorität ist, die sich aus dem Vorhandensein von 3,5 Millionen Zuhörer/innen ableitet. Wer zweifelt, ist ein/e ewig gestrige/r Langsamdenker/in, zum Aussterben verurteilt.
Die Konsequenz, die aus dieser irgendwie unwiderlegbar scheinenden Situation leider allzuoft zu vorschnell gezogen wird: Möchten Arbeitgeber, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer mit der Zeit gehen, müssen sie so eine Art Feed-Kommunikation anbieten, also schnell, abwechslungsreich, nicht zu komplex und langwierig, multimedial angereichert… In der Pädagogik werden entsprechende Forderungen nach Microlearning und Knowledge-Bites erhoben, und damit verschiebt sich die Logik von „Was ist wahr / relevant?“ zu „Was ist konsumierbar?
Bei den geheimnisvollen Future Skills ist dann noch – neben der mutmaßlich rasenden Geschwindigkeit, mit der mediale Eindrücke vieldimensional verarbeitet werden -, das Thema der aktuellen achwas.fm-Folge in den obersten Rängen: Multitasking!
Begibt man sich in bester achwas.fm-Tradition auf die Suche nach den Hintergründen dieser geheimnisvollen Fähigkeit – von der es übrigens zu unrecht heißt, Frauen seien besser darin – stellt man fest, dass mal wieder alles nicht so einfach ist. Und wieder mal manifestiert sich die Komplexität des Themas unter anderem dadurch, dass es uns in verschiedenen Varianten gegenübertritt. Es gibt nämlich nicht DAS Multitasking, sondern mehrere sehr unterschiedliche Vorgänge, die man als Multitasking bezeichnen könnte.
Variante 1: Task Switching
Die einfachste Variante von Multitasking ist gar keines. Aber: Ein System kann durch rasches Wechseln von Aufgaben und Zielen und Handlungen und Prozessen mehr oder weniger erfolgreich so tun, als ob es mehrere Dinge gleichzeitig tun würde. Unser Beispiel ist die Arbeit eines klassischen Großrechners, der einer Schar von Benutzer/innen das Gefühl geben kann, sie arbeiteten parallel, obwohl er eigentlich jeder/m nur kleine Happen CPU-Zeit zukommen lässt, um alles hübsch sukzessive abzuarbeiten. Dass es dabei zu „Switch Costs“ kommt, wird im Podcast ausführlich erörtert. Der Klassiker zum Thema ist diese Arbeit im ehrwürdigen Journal of Experimental Psychology:
- Rogers, R. D., & Monsell, S. (1995). Costs of a predictible switch between simple cognitive tasks. Journal of experimental psychology: General, 124(2), 207.
https://doi.org/10.1037/0096-3445.124.2.207
Das ist eigentlich ein Riesenthema und hat interessante Übergänge in die Arbeitswissenschaften. Dort untersucht man schon seit langem, ob und wie Menschen in der Realität zwischen Aufgaben wechseln können. Kurz gesagt: gar nicht gut! Was wir Multitasking nennen, kann man also auch mit Fug und Recht als „fragmented work“ bezeichnen.
- Mark, G., Gonzalez, V. M., & Harris, J. (2005). No task left behind? Examining the nature of fragmented work. In Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI ’05), 321–330.
https://doi.org/10.1145/1054972.1055017
Damit verliert es dann doch deutlich von seiner faszinierenden Future Skill Aura.
Variante 2: Parallel Processing
Hier haben wir es mit dem Phänomen zu tun, dass dem alltäglichen Verständnis von Multitasking vielleicht am nächsten kommt. Verschiedene Komponenten eines informationsverarbeitenden Systems können – partiell – unabhängig voneinander Prozesse abarbeiten. Das geht gut, wenn sich die Komponenten dabei nicht in die Quere kommen – was aber leider allzuoft der Fall ist. Im Podcast betrachten wir in diesem Zusammenhang den Klassiker: Multitasking beim Autofahren!
Dass damit womöglich auch etwas nicht stimmt, kann jeder bestätigen, der sich am Steuer einmal unvorsichtigerweise einer Polizeistreife mit sichtbarem Smartphone am Ohr genähert hat. Das kostet 100 Euro und einen Punkt in Flensburg.
Die beiden Forschungsarbeiten zum Thema Fahren und Multitasking, die wir im Podcast zusammenfassen, sind folgende:
- Libby, D., & Chaparro, A. (2009). Text messaging versus talking on a cell phone: A comparison of their effects on driving performance. Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting.
https://doi.org/10.1518/107118109X12524443347157 - Strayer, D. L., Drews, F. A., & Johnston, W. A. (2003). Cell phone-induced failures of visual attention during simulated driving. Journal of Experimental Psychology: Applied, 9(1), 23-32.
https://doi.org/10.1037/1076-898X.9.1.23
…und Übersichtsarbeiten zum Thema, die man empfehlen kann, wären folgende:
- Xu, [et al.] (2024). Cognitive load and task switching in drivers: Implications for road safety in semi-autonomous vehicles. Transportation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour. https://doi.org/10.1016/j.trf.2024.11.005
- Nijboer, M., Borst, J. P., van Rijn, H., & Taatgen, N. A. (2016). Driving and multitasking: The good, the bad, and the dangerous. Frontiers in Psychology, 7, Article 1718. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.01718
- Und dann war da noch das Auto, das schon in den 80er Jahren an einem unergonomischen Touch-Screen-System gescheitert ist. Hier ist ein Beitrag zur Misserfolgsgeschichte des Buick Riviera mit dem Titel „The First Car With A Touchscreen Display Is Older Than You Think“, geschrieben von dem Autojournalist Brian Anderson: https://www.topspeed.com/first-car-with-touchscreen-display-older-than-you-think
Zur Frage, wie so eine Katastrophe passieren kann, ein „Fun Fact“: Der famose Touch-Screen war vorab zwar getestet worden, aber eben nicht während der Fahrt – also unter Bedingungen, in denen sich eben genau das Multitasking-Problem manifestiert.
Variante 3: Media-Task-Multitasking
Die dritte Multitasking-Variante: das Wahrnehmen einströmender Information, während man „nebenbei“ eine Aufgabe ausführt. Eine paradigmatische Situation hierfür sind Vorlesungen mit Nebenbei-Notebook-Nutzung. Hier sind die Folgen rasch zusammengefasst: Wer nebenbei im Notebook thematisch Irrelevantes zu erledigen hat, muss damit rechnen, dass es mit der Leistung signifikant bergab geht. Die Stärke der Effekte hat uns – als aktiv an einer Hochschule Dozierende – überrascht und auch ein wenig betroffen gemacht.
Kraushaar, J. M., & Novak, D. C. (2010). Examining the affects of student multitasking with laptops during the lecture. Journal of Information Systems Education, 21(2), 241–251. https://aisel.aisnet.org/jise/vol21/iss2/11
Variante 4: Media-Media-Multitasking
Zuletzt bleibt noch die Variante, die die Idee des TikTok-Brain mit magischen Multitasking-Skills vielleicht am besten verdeutlicht: Der/die mühelos mehrere Medien gleichzeitig konsumierende/n Netzbürger/in. Während man die neue Serie streamt, scrollt man durch den Instagram Feed, während man einen Podcast hört, betrachtet man Bilder auf Pinterest, vor dem Fernseher scannt man die News im Smartphone… Die Medien und Situationen lassen sich beliebig kombinieren.
- Ophir, E., Nass, C., & Wagner, A. D. (2009). Cognitive control in media multitaskers. Proceedings of the National Academy of Sciences, 106(37), 15583–15587. https://doi.org/10.1073/pnas.0903620106
Die Studie ist inzwischen selbst ein interessanter Fall — spätere Replikationsversuche haben die Originalbefunde (…wie es oft vorkommt) nur teilweise bestätigt, was die Forschungslage dann komplexer macht. Wer sich den aktuellen Stand der Diskussion anschauen möchte, sei auf diesen Beitrag verwiesen:
- Parry, D. A., & le Roux, D. B. (2021). „Cognitive control in media multitaskers“ ten years on: A meta-analysis. Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 15(2), Article 7. https://doi.org/10.5817/CP2021-2-7
Also?
Wie dem auch sei: Am Ende bleiben wir mit der Einsicht zurück, dass es nicht nur keine Evidenz dafür gibt, dass Multitasking der sich neu entwickelnder Skill für die Zukunft ist, es gibt auch keine Belege, dass Multitasking überhaupt eine gute Idee sei. Einfach und direkt gesagt: Wenn Sie die Wahl haben, lassen Sie es lieber sein!
Zum Episodenbild
Raoul Hausmann war ein österreichisch-deutscher Künstler des Dadaismus. Für seine Skulptur „Mechanischer Kopf (Der Geist unserer Zeit)“ montierte er 1920 verschiedenste Alltagsobjekte auf ein Friseurmodell eines Kopfes: Maßband, Zahnräder, Lineale, Becher, Druckwalzen… Der Kopf wirkt wie ein zusammengesetztes Instrument, wie eine Vorwegnahme der Idee, der Mensch der Zukunft werde transformiert durch alle möglichen technischen Anbauten. In Zeiten, wo Visionäre vom Mensch der Zukunft als Biotech-Hybrid mit Future Skills faseln, muss seine Skulptur eigenartig prophetisch wirken.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/87/Mechanical_Head_%28The_Spirit_of_Our_Time%29%2C_assemblage_circa_1920.png?
