(Folge vom 3.4.2022) Im Jahr 2007 fanden sich engagierte und besorgte Bürger/innen zu einer Graswurzel-Bewegung zusammen, die sich darum kümmern wollte, dass bei der Privatisierung der Deutschen Bahn alles mit rechten Dingen zugeht. “Rechte Dinge”, damit war eine ungestörte und möglichst umfassende Privatisierung des schwerfälligen Staatsunternehmens zum Wohle der Bürger/innen gemeint. Auf meinebahndeinebahn.de wurden Artikel publiziert und Diskussionen geführt und eigentlich wäre das kein …achwas!? wert, wenn das nicht alles komplett gefaked, ausgedacht, erdichtet, erstunken und erlogen gewesen wäre.

Genau! Weder gab es die besorgten Bürger/innen noch die Initiative, die sich im Web mit authentischer Betroffenheit und eigenartig detailliertem Fachwissen für das Ende des Staatsunternehmens und goldene Zeiten im Glanz einer vollständig privatisierten und daher effizienten, kundenfreundlichen Bahn einsetzten. Die Bahn hatte die Graswurzel-Bewegung für 1,3 Millionen Euro bei liederlichen Agenturen in Auftrag gegeben und natürlich ist eine beauftragte Graswurzel-Bewegung eben keine solche, sondern eine contradictio in adjecto (für Nicht-Lateiner/innen: ein Widerspruch in sich). Das wurde der Bahn dann 2009 durch die Organisation LobbyControl bescheinigt und der Deutsche PR-Rat erteilte eine offizielle Rüge und die Medien stürzten sich auf den Skandal und so weiter – peinliche Sache!

Andererseits: eigentlich ist das ganz normal, denn die Herstellung von Kunstrasen zum Vortäuschen echter Graswurzel-Bewegungen für die eigenen Zwecke gehört schon seit Jahrhunderten im Kommunikations-Repertoire der Mächtigen. In Shakespeare’s “Julius Cäsar” ist schon die Rede davon, dass Brutus von Briefen falscher Graswurzel-Aktivisten aufgehetzt wird, gesteuert von Cassius, dem Bösewicht…

Warum hier von “Astroturf” und dem Verb “Astroturfing” die Rede ist? Das ist eine eigene Geschichte hinter den Pixeln, die wir in der neuen Folge von …achwas.fm! natürlich erzählen.

Quellen zur Podcast-Folge

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Unser Bildkonzept wäre unvollständig ohne den nicht nur von uns bewunderten und verehrten Mitbegründer der modernen Malerei: Vincent van Gogh. Da wir selten über Lilien oder Sonnenblumen, geschweige denn über die Landschaft Südfrankreichs erzählen, hat es etwas gedauert, bis wir eine Brücke zu einem seiner Werke schlagen konnten. Mit “Astroturfing” haben wir endlich ein passendes Thema, denn es geht ja in weiterem Sinn um …Gras! Das “Coin de jardin avec papillons”, gemalt 1887, zeigt eben das: natürlich gewachsenes, gesundes und etwas wild wucherndes Gras. Also das Gegenteil von Astroturf…

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Van_Gogh_-_Rasenst%C3%BCck_mit_Schmetterlingen.jpeg