(Folge vom 26.6.2022) Mit Shitstorms stimmt etwas nicht, finden wir. Das Wort ist falsch – mindestens, wenn man es Englisch verstehen möchte (fragen Sie eine/n Muttersprachler/in)! Auch der Vorgang als solcher, das Bilden von anonymen Kollektiven, um in gemeinschaftlicher Wut über Andere (Menschen, Politiker, Promis und beliebige Organisationen oder Marken) herzufallen, scheint uns nicht der Gipfel der moralischen Reife zu sein. Wohlgemerkt: Gar nichts ist gegen das Bilden von Gruppen und das Planen und Durchführen von Aktionen einzuwenden, wenn alles einigermaßen im Rahmen des gesunden Menschenverstandes bleibt. 15.000 Kommentare zu einem Werbespot wegen einer Scheibe Wurst? …sind eher nicht mehr im Rahmen. Genauso, wenn eine Frau wegen eines schlechten Witzes ins Licht der Weltöffentlichkeit gezerrt, beschimpft, bedroht und von ihrem Arbeitgeber entlassen wird.

In unserer neuen Episode betrachten wir einige der Klassiker dieses Genres, u.a. den Wurstkrieg, der 2011 auf der Facebook-Seite der ING Diba zwischen Vegetariern und Fleischkonsumenten ausbrach, nachdem deren Kommunikationsverantwortliche unvorsichtigerweise einen Werbespot veröffentlicht hatten, in dem eine Scheibe Wurst über die Theke einer Metzgerei gereicht wird. (…damit Du groß und stark wirst.) Während hier eher der Begriff eines Krieges passend erscheint, gibt es auch digitale Auseinandersetzungen, in denen Goliath gegen David vorgeht – besser gesagt: Es sind mehrere Goliaths, ein ganzes Rudel, und es ist auch nur ein winzigkleiner David und wieder ist das Ergebnis anders als in der Bibel: David verliert seinen Job, seine Reputation und wird am Ende unglücklich und krank. Justine Sacco, die aufgrund eines politisch unkorrekten Tweets von einem Flug digital gesteinigt wurde und obendrein auch noch ihren Job los war, ist so ein David und auch ihre Geschichte erzählen wir.

Und wir berichten dann noch von einer interessanten wissenschaftlichen Studie: Die Arbeit von Kimberly Legocki, Kristen L. Walker und Meike Eilert lässt uns verstehen, dass man zwei Typen von Tweets in Shitstorms unterscheiden muss: die moralisch empörten und auf rasche Verbreitung ohne viel Aufwand erstellten “Ashes”, die 70% der Tweets im Shitstorm ausmachen, und die auf Aktion und aktive Weiterverbreitung orientierten “Sparks” (20% der Tweets). Wie man dies verstehen und was man eventuell daraus schlussfolgern kann hören Sie / hört Ihr im Podcast. Übrigens: an den kreativen Bezeichnungen erkennt man, dass es im Englischen gar keine Shit- sondern eben nur “Firestorms” gibt!

Diesmal möchten wir unsere Leserinnen und Leser hier im Blog darauf hinweisen, dass es hier wichtige Querverbindungen zu anderen Podcast-Episoden gibt, an erster Stelle zu Folge 009: Moral und Social Media: Wer Wut sät, wird mehr Wut ernten, Verbindungen gibt es aber auch zu Folge 010: Über Deindividuation. Leser/innen, die sich ein vollständigeres Bild von den Ursachen und Voraussetzungen der Vorgänge machen möchten, die man unserer Auffassung nicht beschönigend als “Shitstorm”, sondern als das bezeichnen sollte, was sie in Wahrheit sind: kollektive Gewalttaten.

Quellen

Das Bild zur Folge:

Die Tatsache, dass es das Wort “Shitstorm” ja eigentlich gar nicht gibt, machte es uns leichter, geeignetes Bildmaterial auszuwählen. Wir möchten dies aus Gründen des guten Geschmacks nicht weiter ausführen. Und natürlich ist es einfach, in den Dutzenden Bildern, die im Verlauf der Geschichte von Bränden, insbesondere brennenden Städten gemalt wurden, etwas Hübsches zu finden. Auch Schiffe im Sturm findet man massenhaft und selbst die Kombination, also “brennende Schiffe im Sturm” funktioniert ausgezeichnet. Als wir bei der Bildrecherche dann auf das “Il Fuoco” (der Brand, das Feuer) gestoßen sind, war die Sache klar. Unser Episodenbild wurde 1566 von Giuseppe Archimboldo gemalt, das Original hängt im kunsthistorischen Museum in Wien.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Archimboldo-krieg-feuer.jpg